Fremdsprachige Wörter und Fachbegriffe: Stopper im Web

Das Thema weckt bei manchen Menschen Emotionen: Immer häufiger begegnen uns Begriffe auf Englisch — in allen Bereichen unseres Lebens. Unsinnig oder schlicht unverständlich erscheinen oft solche Sprachspielereien. Im Web können sie zu echten Hindernissen werden.

Kürzlich hat eine Umfrage gezeigt, dass englischsprachige Werbesprüche von den meisten Menschen in der Schweiz nicht verstanden werden. Zahlen zu den Lesefähigkeiten in der Bevölkerung weisen darauf hin, dass viele Menschen mit Fremdsprachen überfordert sind.

In kurzen Benutzerbefragungen zu einem Webprojekt hörte ich konstant eine Beschwerde: «Das Englische verstehe ich nicht.»

Im Web suchen Besucher nach vertrauten Wörtern, die ihnen Hinweise auf das geben, was sie auf der Seite erledigen möchten. Treffen Besucher dabei auf fremdsprachige Wörter wird das schnelle Abtasten erstmal gestoppt. Der Besucher muss sich zusätzliche Fragen stellen, was grundsätzlich Steve Krugs Usability-Maxime Don’t make me think widerspricht. Fragen nämlich wie:

  • Kenne ich dieses Wort?
  • Verstehe ich seine Bedeutung?
  • Warum ist es wohl in einer anderen Sprache?

Folgende Problemgebiete sehe ich ausserdem:

  • Fremdsprachige Wörter und Fachbegriffe sind oft nicht natürliche Sprache. In einem Gespräch würden wir diese Wörter wohl vermeiden und darauf achten, dass wir dem Zuhörer angemessen sprechen.
  • Fremdsprachige Wörter sind oft nicht eindeutig, weil die Sprachkenntnisse derjenigen, die sie benutzen, und derjenigen, die sie lesen, unterschiedlich sind.
  • Fremdsprachige Wörter werden womöglich vom Schreibenden falsch eingesetzt, so dass ihre Bedeutung nicht einmal verständlich ist, wenn der Leser die Wörter kennt.
  • Hinter fremdsprachigen Wörtern versteckt sich oft Unsicherheit des Schreibenden, wie ein Begriff treffend zu bezeichnen wäre.
  • Fremdsprachige Wörter und Fachbegriffe können elitär wirken und schliessen damit Leute aus.
  • Auch Internet-Modewörter (Beispiel «Podcast») sind Stopper. Die Schwierigkeit besteht hier, dass auch einigermassen etablierte Begriffe erst noch bekannt gemacht werden müssen.

Hier geht es nicht um Sprachhüterei. Sondern um die Beobachtung, wie fremdsprachige Begriffe Lesern das Zurechtfinden auf einer Website erschweren können.

Leser brauchen Hilfen

Leser brauchen Orientierung. Wenn die Augen über Zeitungs- oder Webseiten fliegen, suchen sie nach Anhaltspunkten:

  • Überschriften
  • Zusammenfassungen (Lead)
  • Zwischentitel
  • Bilder und Bildlegenden

Dies sind Lesehilfen. Ohne sie, verlieren sich die Augen der Leser in der Blei- (oder Pixel-)Wüste.

Dass daran etwas Wahres ist, zeigt — wie ich finde — der Kultur- und Savoir-vivre-Teil des heutigen «Tages-Anzeigers». Er wurde von Studierenden der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich (HGKZ) gestaltet.

Die Artikel sind sehr aussergewöhnlich auf der Seite angeordnet. «Nur findet man nichts», war die Reaktion meiner Frau beim Durchblättern. Die Seite hat keine Hierarchie und keine Struktur. Es ist nichts da, was dem Lesen helfen würde. So geht schliesslich auch die Botschaft unter.

Hier unterscheiden sich die Vorstellungen der jungen Studierenden, was Zeitungsdesign ist, noch von denen der Macher des «Tages-Anzeiger»-Layouts. Und von den Regeln für das Schreiben im Web. Zum Beispiel: Klare Gliederung durch Überschriften.

F-Muster: Oben und links wird gelesen

Webseiten-Besucher bewegen ihre Augen in zwei Linien von links nach rechts und am linken Bildrand von oben nach unten. Dieses F-Muster gibt wichtige Hinweise für das Schreiben im Web.

Das sind die Haupterkenntnisse aus Jakob Nielsens Forschungen mit der Eyetracking-Methode. Veröffentlicht hat er sie in seiner Alertbox F-Shaped Pattern For Reading Web Content vom 17. April 2006.

Nach Nielsen ist es die Form des Buchstabens «F», in welcher Besucher auf der Seite Informationen suchen.

Darstellung einer Eye-Tracking-Studie zeigt das F-Muster

Die Darstellung einer Eye-Tracking-Studie zeigt das F-Muster

Für das Schreiben von Webtexten bedeutet dies:

    • Besucher lesen Texte nicht wort-für-wort. Die alte Aussage, dass Benutzer Webseiten scannen wurde bestätigt.
    • Die ersten zwei Absätze müssen die wichtigsten Informationen enthalten.
    • Am Zeilenanfang sollten Wörter stehen, die Information tragen. Schon das dritte Wort auf einer Zeile wird weniger häufig gelesen als die ersten zwei.

Diese Nielsen-Ergebnisse weisen einige Gemeinsamkeiten mit früheren Erkenntnissen des Poynter Instituts auf. Somit bestätigt sich die Bedeutung des F-Musters für das Schreiben von Webtexten.

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